Seenotrettung auf dem Mittelmeer – ein Aktivist erzählt

 

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Heute hatte ich das große Glück Adrian treffen zu dürfen, einen jungen Schweizer, der sich dieses Jahr in der Seenotrettung im Mittelmeer für Flüchtende stark gemacht hat. Im folgenden Interview steht er meinen Fragen Rede und Antwort.

Für welche Organisation bist du tätig und wie bist du auf sie aufmerksam geworden?

Tätig war ich für „Jugend Rettet“, eine deutsche Organisation mit Sitz in Berlin. Auf „Jugend Rettet“ bin ich aus reinem Zufall gestoßen, da eine Freundin Anfang letzten Jahres einen Facebook-Post von ihnen geteilt hat, in welchem sie Crewmitglieder suchten.

Woraus besteht die Crew? Gibt es bezahlte Stellen?

Die Crew setzt sich komplett aus unbezahlten Freiwilligen zusammen, welche jeweils für eine Mission von zwei bis drei Wochen im Einsatz sind und davor und danach je noch einige Tage für Vor- und Nachbearbeitung an Bord sind. An Bord selbst haben wir verschiedene Departments, wobei es auch möglich ist, das eine Person in mehreren Departments tätig ist, z.B. zweite*r Offizier*in im normalen Betrieb und RHIB-Fahrer*in während der Einsätze. Wir haben ein nautisches Department, welches sich wiederum zusammensetzt aus Kapitän*in und zwei Offizier*innen.

Auf der Einsatz-Seite haben wir zuerst die*den Head of Mission, welche*r für die Gesamtleitung der Einsätze verantwortlich ist. Das Deckteam besteht aus verschiedenen Deckhands, welche aber zum Teil auch die nautischen Offizier*innen sind, da wir nur beschränkt Platz haben und im Einsatz Jede*r mit anpacken muss. Dann haben wir natürlich ein medizinisches Department, welches aus einer Ärztin oder einem Arzt und einer weiteren medizinischen Fachkraft (Rettungsassistent*in, Krankenpfleger*in) besteht. Zusätzlich haben wir auch noch unsere RHIB-Teams (=Rigid Hull Inflatable Boat, zu deutsch „Festrumpfschlauchboot“). Unser größeres RHIB – Iuventa Rescue/Lisa Fittko – hat eine Crew bestehend aus Fahrer*in, Teamleader*in und Deckhands, die Crew von Lilly, unserem kleinen RHIB, setzt sich aus zwei Personen zusammen.

Insgesamt haben wir jeweils 16 Betten. Zwei davon sind aber eigentlich für Journalist*innen, was dazu führt, dass die Crew zwischen 14 und 16 Personen stark sein kann.

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Wie sieht ein typischer Tag an Bord der Iuventa aus?

Einen typischen Tag gibt es eigentlich nie, da immer irgendetwas Neues passiert. Normalerweise beginnt ein Tag aber etwa um vier Uhr mit der Einfahrt in die 24nm-Zone. Das ist die sogenannte Contiguous-Zone, welche sich von 12 bis 24 Seemeilen vor der Küste erstreckt und im Fall von Libyen auch das offizielle Such- und Rettungsgebiet ist. Alle Rettungen werden grundsätzlich von der Seenotrettungsleitstelle (MRCC) in Rom koordiniert.

Von diesem Moment an heißt es dann besonders gut Ausschau zu halten nach Booten in Seenot. Neben eigenen Sichtungen kann es natürlich auch sein, dass das MRCC uns die Position von einem Boot meldet oder uns ein anderes Schiff oder ein Suchflugzeug um Unterstützung bittet.

Die Menschen auf den Booten werden dann zu erst von unserem RHIB mit Schwimmwesten versorgt. Dies ist auch dann der erste Schritt, wenn es medizinische Notfälle an Bord gibt, da wir grundsätzlich nicht das Leben von Vielen riskieren können.
Leider stellen uns diese Einsätze immer wieder vor Entscheidungen, in denen es um Leben oder Tod geht.

Wenn alle Flüchtenden Rettungswesten haben, wird die Situation nochmals analysiert und entschieden, ob die Leute zu uns an Bord genommen werden oder ob sie direkt auf ein größeres Schiff gehen können. Unser Schiff, die Iuventa, ist mit nur 33 Metern Länge nicht für den Transport der Gäste in einen sicheren Hafen gebaut, weshalb wir uns wirklich nur auf die Erstversorgung konzentrieren.

Wenn alles gut läuft, kann man die Gäste dann nach ein paar Stunden an ein größeres Schiff übergeben, welches sie dann nach Italien bringt. Für die Crew ist der Einsatz da natürlich noch nicht fertig. Wenn die letzte Person von Bord ist, muss man erstmal das ganze Schiff putzen und alle Rettungsmittel wieder für einen weiteren Einsatz bereitmachen.

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Wie viele Flüchtende sitzen in etwa in einem Boot?

Auf einem Schlauchboot befinden sich zwischen 120 und 180 Menschen. Man muss sich dazu aber noch vor Augen führen, dass diese Boote nur 10 Meter lang und 2,5 Meter breit sind.
Die Holzboote haben unterschiedliche Größen. Die kleinen Boote haben jeweils 30 bis 100 Menschen an Bord, mittlere etwa 350 und die großen Boote dann 700 bis 1000 Personen und mehr.

In welchem gesundheitlichen Zustand sind die flüchtenden Menschen?

Der Zustand unserer Gäste ist sehr unterschiedlich. Vereinzelt hat man Boote, bei denen Alle in einem verhältnismäßig gutem Zustand sind, auf anderen Booten sind aber schon Tote zu beklagen, wenn wir ankommen. Grundsätzlich ist es so, dass das Gemisch von Salzwasser und Benzin eine aggressive chemische Reaktion hervorruft, was zu massiven chemischen Verbrennungen führen kann.

In einem solchen Fall sind gerade Frauen, welche die vermeintlich sichereren Plätze in der Mitte der Boote bekommen, besonders betroffen.

Zusätzlich ist oftmals die Mehrheit ziemlich seekrank. Oft sind wir auch mit Schusswunden konfrontiert, was uns immer wieder vor Augen führt, wie schwer die Situation in Libyen ist.

Gab es Momente, die dich besonders berührt haben?

Ja, von denen gibt es einige. Vor meiner ersten Mission meinte Jemand, dass man die Gesichter von denen, die man gerettet hat, nie vergessen wird. Dem ist nicht so. Nach sieben Missionen ist es unmöglich sich noch an alle Einsätze zu erinnern. Aber es gibt natürlich immer wieder Momente, die besonders stark im Gedächtnis bleiben.

Ein Tag hat sich mir ganz besonders eingebrannt. Angefangen hat er relativ ruhig mit zwei Schlauchbooten, von welchen wir alle Menschen aufgenommen haben. Als wir mit dem zweiten fertig waren, informierte uns eine andere Organisation, dass sie dringend Unterstützung bräuchten, da sie fünf große Holzboote mit je mehr als 700 Menschen an Bord um sich herum hätten. Wir haben uns also sofort auf den Weg gemacht und über den Tag kamen noch mehrere Schlauchboote dazu.

Im Verlauf des Nachmittags erreichten dann auch immer mehr Schiffe von EUNAVFOR und der italienischen Küstenwache das Gebiet, um bei der Bergung der Menschen zu helfen. Am Abend war aber schon klar, dass wir noch zu viele Boote in Seenot hatten und uns ein anspruchsvoller Nachteinsatz erwarten wird. Am späteren Abend waren wir zusammen mit Sea Watch verzweifelt auf der Suche nach einem Boot, welches laut unserer Informationen am Sinken war. Wie durch ein Wunder konnten wir das Boot tatsächlich lokalisieren, leider waren zu diesem Zeitpunkt aber schon einige Menschen ertrunken. Die restlichen Menschen wurden so schnell wie möglich abgeborgen und auf die Sea Watch oder auf die Iuventa gebracht. Da wir beide eigentlich schon weitere über unsere Kapazitätsgrenze beladen waren, war das leider die einzige Möglichkeit. So viele Verbrennungen wie hier hatte ich zuvor noch nicht gesehen.

Ohne Ausnahme war jeder Mensch, den wir aufnahmen, durch starke Verbrennungen gezeichnet, doch keiner beklagte sich und alle setzten sich nur hin während ihnen Tränen übers Gesicht liefen.

Plötzlich meldet unser RHIB einen Medical Case. Sogleich war klar, dass es hier ums nackte Überleben geht. Bewusstlos und mit sehr schwachen Vital-Werten haben wir den Patienten sofort ins Hospital gebracht. Als wir ihn vom Stretcher auf den Behandlungstisch heben wollten, hatte ich seine Beine. Beim ersten Versuch gelang es mir nicht ihn hochzuheben – stattdessen hatte ich seine restliche Haut in meinen Händen. Unseren Medics gelang es dann wie durch ein Wunder den Mann zu stabilisieren – er hatte mehr als 1.5 Liter Benzin geschluckt. So schnell es ging organisierten wir einen MediVac und transportierten ihn auf ein spanisches Kriegsschiff. Von dort wurde er dann mit einem Helikopter nach Italien geflogen, wo er dann leider schlussendlich doch noch seinen Verletzungen erlag.

Mit 470 Gästen auf unserem 33 Meter langem Schiff machten wir uns auf Richtung Norden. Ein Mann suchte das Gespräch mit mir und informierte mich, dass er seinen kleinen Sohn und seine Frau vermisse, aber davon ausgehe, dass sie auf dem anderen Schiff (Sea Watch) seien. Ich habe mich also daran gemacht, alle Namen aufzunehmen von Familienangehörigen, die vermisst wurden. Am späten Nachmittag dann die grosse Erleichterung: ein britisches Kriegsschiff war auf dem Weg um uns alle Gäste abzunehmen und danach die von Sea Watch, damit die Familien, wenn möglich, wieder zusammengeführt werden konnten. Da sich der Transfer ziemlich hinzog haben wir dann Sea Watch unsere Hilfe angeboten und sie beim Transfer von ihren Gästen ebenfalls unterstützt.

Bei der ersten Shuttlefahrt mit dem RHIB wurde uns als erstes ein kleiner Junge übergeben und als ich die Mutter nach dem Namen fragte war sofort klar, dass wir hier wirklich wieder eine Familie zusammenbringen können, was ein unbeschreibliches Glücksgefühl war.

Auch Freud und Leid sind leider bei diesen Einsätzen immer sehr nah zusammen und so hatten wir bei der zweiten Fahrt eine Frau, die ihren Mann und die zweijährige Tochter in der vorhergehenden Nacht verloren hatte.

IMG_0152Hast du dir deinen Einsatz in der Seenotrettung so vorgestellt?

Zu gewissen Teilen: ja. Doch etwas erschreckt mich eigentlich auch jetzt immer noch. Vom Segelsport kommend, war das Wasser für mich immer etwas wunderschönes, was mir zur Entspannung diente.

Seenotfälle waren in meiner Fantasie mit stürmischer See verbunden. Hier ist es aber so, dass auch eine spiegelglatte See zur Todesfalle werden kann. Sich daran zu gewöhnen dauerte doch einige Zeit.

Hat sich für dich etwas verändert durch deinen Einsatz in der Seenotrettung?

Definitiv! Man sieht die Welt anders, wenn man in diesen Abgrund geblickt hat. Ich konzentriere mich jetzt komplett auf das, was mir wichtig ist, ohne mich darum zu kümmern, was Andere davon halten.

Auch materielle Dinge interessieren mich nicht mehr und so habe ich kein Problem damit, seit Monaten einfach aus meiner Tasche zu leben und unterwegs zu sein.

Man könnte also auch sagen, dass mich diese Einsätze durchaus von einer Last befreit haben.

Wie hast du die Reaktion der Menschen zu Hause auf eure Arbeit empfunden?

In meinem Umfeld habe ich eine unglaubliche Unterstützung erlebt. Auch von Seiten, von denen ich es überhaupt nicht erwartet hätte kamen aufmunternde Worte, es wurden Spenden gesammelt und ganz allgemein wurde das Bewusstsein für diese humanitäre Katastrophe sicher gestärkt.

Es gibt aber natürlich auch die andere Seite. So haben wir zum Beispiel nach der Beschlagnahmung unseres Schiffes innerhalb von ein paar wenigen Tagen mehrere hundert Morddrohungen bekommen.

Wenn du die Möglichkeit hättest, allen Menschen, die die Arbeit der Seenotrettung für unsinnig halten oder gar ablehnen, etwas zu sagen, was wäre das?

Ich glaube es ist wichtig, dass sich jeder Mensch vor Augen führt, dass die Sicherheit, die er genießen kann, nicht selbstverständlich ist. Jeder von uns könnte in diese Lage kommen, wo er auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen ist. Wenn man dann hört, dass man diese Leute doch einfach ertrinken lassen soll und sie dann schon aufhören zu kommen, schmerzt mich das unglaublich. Das ist definitiv nicht die Welt, in der ich mir wünsche leben zu können.

Das wir heute wieder die gleichen Parolen wie in den 30er-Jahren hören und lesen schockiert mich zutiefst und ich hoffe, dass wir da noch schnell genug die Kurve kriegen.

Ich danke dir für all das, was du auf See für uns alle leistest und das tolle Interview. Alles Gute dir und ganz viel Kraft weiterhin!

FreeIuventaÜbrigens… Die Iuventa, das Schiff der Organisation „Jugend Rettet“ wurde Anfang August von italienischen Behörden wegen angeblicher Beihilfe zur illegalen Einwanderung beschlagnahmt. „Jugend Rettet“ bemüht sich um die Rückgabe des Schiffes und somit der Wiederaufnahme der Rettungstätigkeit. Mehr Informationen findest du unter www.jugendrettet.org.

Im folgenden Video wird die Situation und die Bemühungen von Rettungsorganisationen auf dem Mittelmeer anschaulich gezeigt.

Sei gut zu dir!

~Alina

Reisebericht: San Diego, LA und Flug nach Darwin

~Alina

Beginn der Weltreise: Anreise nach Mexiko

Die ersten Tage meiner Weltreise waren unheimlich spannend und ein Wechselbad der Gefühle, weswegen ich dir heute davon genauer berichten möchte. Wenn du wissen möchtest, wie ich mich auf meine große Reise durch Mexiko, die USA und Australien vorbereitet habe, kannst du dir gern meine komplette Packliste ansehen. Nun gehts aber los, viel Spaß mit meinem persönlichen Erfahrungsbericht!

Es geht los! Gefühlschaos vor dem Abflug

Ich habe erst spät und sehr schlecht geschlafen, war mehrfach wach, obwohl ich sehr müde war. Schätze mal, das ist das berühmte Reisefieber, von dem ich nicht erwartet hatte, dass es auch mich so erwischt. Nach dem Aufstehen war ich total erledigt, hatte wüste Rückenschmerzen und zu allem Überfluss auch noch eine Woche zu früh meine Tage gekriegt.

Ich wusste zwar schon von vorherigen Prüfungssituationen, dass mein Körper auf Stress reagiert, hatte allerdings nicht mit einem Einfluss dieser Intensität gerechnet. Über die letzten zwei Wochen bereits hatte ich immer wieder starken Schwindel und Übelkeit. Vor allem bei längeren Autofahrten ist mein Gehirn auf Wanderschaft gegangen, hat mich an Orte meiner größten Angst gebracht, dabei aber völlig irrational. Mehr, als die Gedanken an das bevorstehende Abenteuer, waren die Sorgen eher im Hier und Jetzt begründet. Gedanken über meine Beziehung, meine Freund*innen, meine Familie… Alles weit hergeholt und unrealistisch.

Insgesamt neige ich dazu, Worst-Case-Szenarien schon lange vor dem etwaigen Eintreffen schon innerlich zu erleben, um sie zu einem späteren Zeitpunkt verarbeiten zu können.

Um mich für das beängstigende Szenario zu wappnen, spiele ich es sozusagen innerlich durch und versuche mich meinen Gefühlen zu stellen, da ich sonst die Sorge habe, die Situation emotional nicht handhaben zu können.

Dieser Ansatz ist in vielerlei Hinsicht nicht sehr hilfreich, da ich mich verstärkt mit negativen Gefühlen auseinandersetze, die in der aktuell guten Situation schnell einen Schatten werfen können. Ich wäge also immer ab, wie viel Auseinandersetzung mit meinen Ängsten und anderen Gefühlen ich im Moment packe oder nicht. In den letzten Wochen ist mir das nicht so gut gelungen wie sonst. Jetzt, da ich den ersten Schritt in das Abenteuer gewagt habe, hoffe ich, dass die Schwere der letzten Zeit von mir abfällt und ich mich etwas treiben lassen kann.

Heute morgen haben meine Eltern mich an den Zug gebracht, der mich dann zum Flughafen gebracht hat. Ich war froh, dass die Verabschiedung relativ schnell ging, weil ich in solchen Situationen dazu neige, mich hineinzusteigern, dann zu weinen und die Situation für alle Beteiligten unnötig anstrengend zu machen, weil dann alle das Gefühl haben, sie müssten mich trösten. Glücklicherweise war die Zugfahrt dann entspannt, ich hatte einen Sitzplatz in einem Ruheabteil, in dem noch ein anderer Mann lag und geschlafen hat.

Am Flughafen stand ich lange am Check-In-Schalter an, dann klappte das allerdings problemlos und ich erhielt meine Boardingkarte und konnte meinen 90 L- Rucksack aufgeben, welcher zu meinem Erstaunen trotz schweren Inhaltsstücken wie beispielsweise den Arbeitsschuhen, nur 15 Kg auf die Waage brachte. Beim Betreten des Duty-Free-Bereichs löste dann mein Rucksack Sprengstoff-Alarm aus. Die Bundespolizei überprüfte ihn erneut und fand nichts. Eine Frau hat mit einem kleinen Klebeband Abstriche gemacht und in eine Maschine eingelesen. Dann wurde noch aufgeschrieben, in welches Flugzeug ich steige und damit war die Sache erledigt.

Das Boarding klappte dann ganz einfach und auch der Flug war angenehm, wenn man die Flugzeit von fast 12 Stunden berücksichtigt. Das vegane Menü an Board war regelrecht köstlich und wirklich ausreichend. Dafür muss ich Condor an dieser Stelle einmal loben.

Am Flughafen in San Diego ging es noch einmal durch einige Kontrollen hindurch und dann war ich auch schon da. Das Geldziehen am Automaten klappte glücklicherweise schon beim ersten Anlauf trotz neuer Kreditkarte.

Welcome to San Diego… mein erster Eindruck

Um den Weg herauszufinden habe ich einfach zwei Sicherheitsmitarbeiterinnen gefragt, die mich auf einen Bus aufmerksam gemacht haben. Der Busfahrer hat mich freundlicherweise kostenlos mitgenommen, da ich kein Wechselgeld hatte und somit den Automaten nicht bezahlen konnte. Ausgestiegen bin ich dann viel zu früh, bin etwa eine halbe Stunde, unter meinem Gepäck ächzend und vollgeschwitzt herumgeirrt, bevor ich einen jungen Mann gefragt habe, der mir mit seinem Smartphone helfen konnte.

Der erste Eindruck von San Diego: Viele, viele Obdachlose, die überall herumlaufen und -liegen. Im Gegensatz dazu viele dicke Autos auf der Straße mit heruntergelassenen Scheiben und lauter Musik. Polizist*innen lehnen zumeist locker an irgendeiner Hauswand und schauen lässig drein, so als hätten sie hier selten was zu tun.
Das Hostel ist in Ordnung: Es hat eine große Küche mit Geschirr und Kühlschränken, die sanitären Anlagen sind „nutzbar“, das Zimmer ist winzig und voller Krabbeltierchen. Insgesamt trotzdem annehmbar, vor allem für 30 Dollar pro Nacht. Schnell noch geduscht und die Kleidung von heute gewaschen, dann schnell in mein Doppelstockbett (ich muss natürlich oben schlafen, zu allem übel gibt es hier nicht mal eine Steckdose!) und Augen zu.

Erkundungstour in San Diego

Die erste Nacht im Hostel war stickig und sehr heiß. Der Ventilator an der Decke erfüllt eher dekorative Zwecke, wie sich herausstellte. Ich scheine mich recht viel bewegt zu haben, jedenfalls war meine halbe Ausrüstung, die neben mir im Bett lag, während der Nacht heruntergefallen. Mein Handy wurde dank der Panzerglasfolie nicht in Mitleidenschaft gezogen.

Das Zimmer bewohnen mit mir zwei Mexikaner Anfang 20 und ein älterer Amerikaner, der letzte Nacht allerdings nicht hier geschlafen hat. Da ich schon sehr zeitig wach war, bin ich in den nahegelegenen 24-Stunden-Supermarkt gegangen und habe ein paar Lebensmittel eingekauft. Zum Frühstück, das hier im Preis inbegriffen ist, servieren sie hier Pancakes, die eher nicht vegan sind, sowie einige Sorten Cornflakes, über die ich hergefallen bin. Kaffee gibt es glücklicherweise kostenlos dazu.

Während des Frühstücks bin ich mit einer jungen Frau aus Los Angeles und einem Iren ins Gespräch gekommen. Der Ire namens Matthew, 21 Jahre alt und bereits den zweiten Sommer in Folge in den USA, ist mit mir durch die Stadt gelaufen. Wir haben mir eine neue Schutzfolie für das Handy besorgt und für ihn irgendeinen Pullover gesucht, den er seiner Schwester mitbringen soll. Am Hafen in San Diego steht eine große Statur von einem küssenden Pärchen, eine Anlehnung an ein bekanntes Foto, welches zum Ende des zweiten Weltkriegs aufgenommen wurde. San Diego ist lebhaft und gleichzeitig entspannt. Es sind auffällig viele Menschen offensichtlich obdachlos und in einem schlechten gesundheitlichen Zustand, wobei das augenscheinlich für die meisten Passanten eher von geringem Interesse ist. An jeder Ecke verkauft ein Laden Fastfood, zum Beispiel Taco Bell und The Cheesecakefactory. Auch Starbucks gibt es zuhauf. McDoof und Burger King habe ich hingegen noch nicht gesichtet, wobei ich immer angenommen hatte, dass es hier, verglichen mit Deutschand, noch viel mehr davon geben würde.

Nach einem kurzen Päuschen auf meinem Bett habe ich mir Nudeln und Tomatensoße gekocht und mich derweil mit einem jungen Ehepärchen unterhalten, die hier, gemeinsam mit einem kleinen Hund, schon seit viereinhalb Jahren gemeinsam reisen und dies auch weiterhin machen wollen. Um sich die Reisen zu finanzieren, arbeiten beide in Gelegenheitsjobs und bieten so eine Art Shuttlebus-Service für die Hostelgäste an. Sie wirkten beide unheimlich entspannt und glücklich.

Das Abenteuer Grenzüberquerung in Tijuana

Es ist Montag und heute morgen hatte ich endlich Nachricht von der zuständigen Person für die Schiffsbesatzung, sodass ich nach einem schnellen Frühstück meine Sachen zusammengepackt habe und dann zum Auschecken runter an die Rezeption gegangen bin. Der Mann am Schalter war zu meiner Überraschung der selbe Mann, der das Bett unter meinem bewohnte. Auf meine Nachfrage hin erklärte er mir den schnellsten und einfachsten Weg zur Grenze. Als ich endlich die Strecke zu dem sogenannten „Trolley“ (Straßenbahn) zurückgelegt hatte, ging das Abenteuer los.

An der Haltestelle in San Diego Downtown waren fast ausschließlich obdachlose Frauen und Männer, davon offensichtlich einige entweder auf Drogen oder psychisch krank. Eine zahnlose Frau im Rollstuhl beschimpfte minutenlang eine Frau in Pantoffeln als Fotze, diese bewarf sie daraufhin mit Chickenwings. Ein Mann im abgeranzten Elviskostüm stellte sich neben mich und erkundigte sich, ob ich eine Wikingerfrau sei, ich sähe so aus. Ein anderer wurde hingegen am Ticketautomat so aufdringlich, dass ich im schließlich fünf Dollar gab, damit er verschwand. Einfach eine äußerst bizarre Situation. In der Bahn saßen ähnlich verloren wirkende Gestalten.

Der etwa dreißigminütige Weg bis an die Grenze ist gesäumt von heruntergekommenen Häuser und Trailerparks, links und rechts der Bahnstrecke lag irrsinnig viel Müll, dazwischen lagen vereinzelt Menschen. An der letzten Haltestelle vor der Grenze stieg ein Mann aus, eine Schere fest umklammernd und wie einen Dolch vor sich haltend. Langsam wurde es mir etwas mulmig…

Endlich an der Grenze angekommen, erwartete mich ein Bild des Schreckens. Gleich beim Aussteigen kam mir ein Mann mit heruntergelassenen Hosen entgegen, der sein bestes Stück fest umklammert hielt und derweil auf einen Mann in orangenem Anzug einredete, der Müll aufsammelte. Er warf ihm ein Stückchen Papier hin und erwartete eine sofortige Säuberung. Als der Mann von der Straßenreinigung seinem Begehren nicht sofort nachkam, wurde der Mann ungehalten und brüllte herum, kam ihm schließlich so nahe, dass dieser zu einem nahestehenden Besen griff und ihm damit eine überzog. Weder der Polizist, der keine 5 Meter weiter entspannt an einer Hauswand lehnte, noch sonst jemand sah hin oder griff ein. Die Situation schien ohnehin gelöst, der Aggressive zog schimpfend von dannen.

Der restliche Weg zur Grenze wird zu Fuß zurückgelegt über einen betonierten Pfad, an den Seiten hohe metallene Zäune mit Stacheldraht. Die Gestalten am Wegesrand waren mir so unheimlich, dass ich mit meinem schweren Gepäck so schnell ich konnte zu einer Frau vor mir aufgeholt habe. Die Abwicklung am plötzlich auftauchenden Schalter war unkompliziert: ich darf ohne Visum 180 Tage im Land bleiben. In Tijuana angekommen, ging die Party allerdings erst richtig los.

Lost in Tijuana

Direkt am Ausgang des Grenzganges erwartete mich überraschenderweise… fast nichts. Ich hätte mit einer direkten Anbindung an ein größeres Busnetz gerechnet. Stattdessen standen da einige größere Autos, bei denen jemand mit weißer Farbe etwas an die Seite geschrieben hatte. Bei dem, wo unter anderem „Centro“ stand, stieg ich ein. Keiner der Fahrer sprach Englisch, was die Kommunikation deutlich erschwerte. Neben mich setzte sich ein Mann mit Gitarre, der gleich bei Losfahrt lauthals anfing zu singen und sich dazu zu begleiten. Niemand im Auto drehte sich um, keine Reaktion. Irgendwann sagte der Busfahrer, ich solle hier raus. Dann stand ich also mitten in Tijuana.

Die Situation war erschlagend, es wimmelte von Menschen von den zig versuchten Kontakt zu mir aufzunehmen um mir etwas zu verkaufen, mir Komplimente zu machen und was weiß ich nicht. Plötzlich stand der Mann mit Gitarre neben mir, der mir zeigen wollte wir ich zum „großen“ Bus komme. Da ich gerade von einem volltrunkenen Mexikaner belagert wurde, der mir zunehmend unangenehm war, willigte ich ein. Er führte mich zwei Blocks weiter zur nächsten kleinen Bushaltestelle, wo ich dann in einen Bus einstieg. Schilder, die die Bushalten markieren gab es nicht, was die Orientierung vor Ort nicht direkt vereinfachte. Um die Geschichte kurz zu machen: Ich fuhr noch in einigen Bussen quer durch diese Stadt. Menschen stiegen in den fahrenden Bus ein und oftmals auch so aus. Es waren viele mehr oder weniger verrückte Gestalten unterwegs, aber immer auch mindestens genauso viele, die mir ohne zu zögern ihre Hilfe angeboten haben.

Das, was mir von Tijuana am deutlichsten in Erinnerung verbleiben wird, ist die offensichtliche Armut und Perspektivlosigkeit vieler Menschen gepaart mit einer absolut durchwärmenden Freundlichkeit.

Im letzten Bus saßen mir ein fast zahnloses junges Paar gegenüber mit einem etwa zweijährigen kleinen Mädchen. Es hatte so schmutzige Kleider an, die kleinen Schuhe ganz durchlöchert und trotzdem lachte es ganz glücklich, weil beide Eltern sich so hingebungsvoll mitten in diesem vollgestopften Bus um sie bemühten und ihr von ihrem Essen gaben. Ich kam mir regelrecht schäbig vor, wie ich mit meinem neuen riesigen Rucksack gegenüber saß und mich alle so breit angestrahlt haben. Es waren diese kleinen Momente, die wirklich einfach so herzerwärmend waren, dass mir fast die Tränen gekommen sind.

Endlich angekommen an der „großen“ Busstation, von der auch nur zwei Busse abfahren, ging dann alles ganz einfach. Nach einer Wartezeit von 20 Minuten saß ich in einem vollklimatisierten Reisebus mit freiem w-lan und war auf dem Weg raus aus Tijuana. An meinem Zielort angekommen, ging es dann nach weiteren Verzögerungen endlich auf das Schiff, auf dem ich nun für einige Monate arbeiten werde, wenn alles gut läuft. Viva Mexico!