Seenotrettung auf dem Mittelmeer – ein Aktivist erzählt

 

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Heute hatte ich das große Glück Adrian treffen zu dürfen, einen jungen Schweizer, der sich dieses Jahr in der Seenotrettung im Mittelmeer für Flüchtende stark gemacht hat. Im folgenden Interview steht er meinen Fragen Rede und Antwort.

Für welche Organisation bist du tätig und wie bist du auf sie aufmerksam geworden?

Tätig war ich für „Jugend Rettet“, eine deutsche Organisation mit Sitz in Berlin. Auf „Jugend Rettet“ bin ich aus reinem Zufall gestoßen, da eine Freundin Anfang letzten Jahres einen Facebook-Post von ihnen geteilt hat, in welchem sie Crewmitglieder suchten.

Woraus besteht die Crew? Gibt es bezahlte Stellen?

Die Crew setzt sich komplett aus unbezahlten Freiwilligen zusammen, welche jeweils für eine Mission von zwei bis drei Wochen im Einsatz sind und davor und danach je noch einige Tage für Vor- und Nachbearbeitung an Bord sind. An Bord selbst haben wir verschiedene Departments, wobei es auch möglich ist, das eine Person in mehreren Departments tätig ist, z.B. zweite*r Offizier*in im normalen Betrieb und RHIB-Fahrer*in während der Einsätze. Wir haben ein nautisches Department, welches sich wiederum zusammensetzt aus Kapitän*in und zwei Offizier*innen.

Auf der Einsatz-Seite haben wir zuerst die*den Head of Mission, welche*r für die Gesamtleitung der Einsätze verantwortlich ist. Das Deckteam besteht aus verschiedenen Deckhands, welche aber zum Teil auch die nautischen Offizier*innen sind, da wir nur beschränkt Platz haben und im Einsatz Jede*r mit anpacken muss. Dann haben wir natürlich ein medizinisches Department, welches aus einer Ärztin oder einem Arzt und einer weiteren medizinischen Fachkraft (Rettungsassistent*in, Krankenpfleger*in) besteht. Zusätzlich haben wir auch noch unsere RHIB-Teams (=Rigid Hull Inflatable Boat, zu deutsch „Festrumpfschlauchboot“). Unser größeres RHIB – Iuventa Rescue/Lisa Fittko – hat eine Crew bestehend aus Fahrer*in, Teamleader*in und Deckhands, die Crew von Lilly, unserem kleinen RHIB, setzt sich aus zwei Personen zusammen.

Insgesamt haben wir jeweils 16 Betten. Zwei davon sind aber eigentlich für Journalist*innen, was dazu führt, dass die Crew zwischen 14 und 16 Personen stark sein kann.

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Wie sieht ein typischer Tag an Bord der Iuventa aus?

Einen typischen Tag gibt es eigentlich nie, da immer irgendetwas Neues passiert. Normalerweise beginnt ein Tag aber etwa um vier Uhr mit der Einfahrt in die 24nm-Zone. Das ist die sogenannte Contiguous-Zone, welche sich von 12 bis 24 Seemeilen vor der Küste erstreckt und im Fall von Libyen auch das offizielle Such- und Rettungsgebiet ist. Alle Rettungen werden grundsätzlich von der Seenotrettungsleitstelle (MRCC) in Rom koordiniert.

Von diesem Moment an heißt es dann besonders gut Ausschau zu halten nach Booten in Seenot. Neben eigenen Sichtungen kann es natürlich auch sein, dass das MRCC uns die Position von einem Boot meldet oder uns ein anderes Schiff oder ein Suchflugzeug um Unterstützung bittet.

Die Menschen auf den Booten werden dann zu erst von unserem RHIB mit Schwimmwesten versorgt. Dies ist auch dann der erste Schritt, wenn es medizinische Notfälle an Bord gibt, da wir grundsätzlich nicht das Leben von Vielen riskieren können.
Leider stellen uns diese Einsätze immer wieder vor Entscheidungen, in denen es um Leben oder Tod geht.

Wenn alle Flüchtenden Rettungswesten haben, wird die Situation nochmals analysiert und entschieden, ob die Leute zu uns an Bord genommen werden oder ob sie direkt auf ein größeres Schiff gehen können. Unser Schiff, die Iuventa, ist mit nur 33 Metern Länge nicht für den Transport der Gäste in einen sicheren Hafen gebaut, weshalb wir uns wirklich nur auf die Erstversorgung konzentrieren.

Wenn alles gut läuft, kann man die Gäste dann nach ein paar Stunden an ein größeres Schiff übergeben, welches sie dann nach Italien bringt. Für die Crew ist der Einsatz da natürlich noch nicht fertig. Wenn die letzte Person von Bord ist, muss man erstmal das ganze Schiff putzen und alle Rettungsmittel wieder für einen weiteren Einsatz bereitmachen.

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Wie viele Flüchtende sitzen in etwa in einem Boot?

Auf einem Schlauchboot befinden sich zwischen 120 und 180 Menschen. Man muss sich dazu aber noch vor Augen führen, dass diese Boote nur 10 Meter lang und 2,5 Meter breit sind.
Die Holzboote haben unterschiedliche Größen. Die kleinen Boote haben jeweils 30 bis 100 Menschen an Bord, mittlere etwa 350 und die großen Boote dann 700 bis 1000 Personen und mehr.

In welchem gesundheitlichen Zustand sind die flüchtenden Menschen?

Der Zustand unserer Gäste ist sehr unterschiedlich. Vereinzelt hat man Boote, bei denen Alle in einem verhältnismäßig gutem Zustand sind, auf anderen Booten sind aber schon Tote zu beklagen, wenn wir ankommen. Grundsätzlich ist es so, dass das Gemisch von Salzwasser und Benzin eine aggressive chemische Reaktion hervorruft, was zu massiven chemischen Verbrennungen führen kann.

In einem solchen Fall sind gerade Frauen, welche die vermeintlich sichereren Plätze in der Mitte der Boote bekommen, besonders betroffen.

Zusätzlich ist oftmals die Mehrheit ziemlich seekrank. Oft sind wir auch mit Schusswunden konfrontiert, was uns immer wieder vor Augen führt, wie schwer die Situation in Libyen ist.

Gab es Momente, die dich besonders berührt haben?

Ja, von denen gibt es einige. Vor meiner ersten Mission meinte Jemand, dass man die Gesichter von denen, die man gerettet hat, nie vergessen wird. Dem ist nicht so. Nach sieben Missionen ist es unmöglich sich noch an alle Einsätze zu erinnern. Aber es gibt natürlich immer wieder Momente, die besonders stark im Gedächtnis bleiben.

Ein Tag hat sich mir ganz besonders eingebrannt. Angefangen hat er relativ ruhig mit zwei Schlauchbooten, von welchen wir alle Menschen aufgenommen haben. Als wir mit dem zweiten fertig waren, informierte uns eine andere Organisation, dass sie dringend Unterstützung bräuchten, da sie fünf große Holzboote mit je mehr als 700 Menschen an Bord um sich herum hätten. Wir haben uns also sofort auf den Weg gemacht und über den Tag kamen noch mehrere Schlauchboote dazu.

Im Verlauf des Nachmittags erreichten dann auch immer mehr Schiffe von EUNAVFOR und der italienischen Küstenwache das Gebiet, um bei der Bergung der Menschen zu helfen. Am Abend war aber schon klar, dass wir noch zu viele Boote in Seenot hatten und uns ein anspruchsvoller Nachteinsatz erwarten wird. Am späteren Abend waren wir zusammen mit Sea Watch verzweifelt auf der Suche nach einem Boot, welches laut unserer Informationen am Sinken war. Wie durch ein Wunder konnten wir das Boot tatsächlich lokalisieren, leider waren zu diesem Zeitpunkt aber schon einige Menschen ertrunken. Die restlichen Menschen wurden so schnell wie möglich abgeborgen und auf die Sea Watch oder auf die Iuventa gebracht. Da wir beide eigentlich schon weitere über unsere Kapazitätsgrenze beladen waren, war das leider die einzige Möglichkeit. So viele Verbrennungen wie hier hatte ich zuvor noch nicht gesehen.

Ohne Ausnahme war jeder Mensch, den wir aufnahmen, durch starke Verbrennungen gezeichnet, doch keiner beklagte sich und alle setzten sich nur hin während ihnen Tränen übers Gesicht liefen.

Plötzlich meldet unser RHIB einen Medical Case. Sogleich war klar, dass es hier ums nackte Überleben geht. Bewusstlos und mit sehr schwachen Vital-Werten haben wir den Patienten sofort ins Hospital gebracht. Als wir ihn vom Stretcher auf den Behandlungstisch heben wollten, hatte ich seine Beine. Beim ersten Versuch gelang es mir nicht ihn hochzuheben – stattdessen hatte ich seine restliche Haut in meinen Händen. Unseren Medics gelang es dann wie durch ein Wunder den Mann zu stabilisieren – er hatte mehr als 1.5 Liter Benzin geschluckt. So schnell es ging organisierten wir einen MediVac und transportierten ihn auf ein spanisches Kriegsschiff. Von dort wurde er dann mit einem Helikopter nach Italien geflogen, wo er dann leider schlussendlich doch noch seinen Verletzungen erlag.

Mit 470 Gästen auf unserem 33 Meter langem Schiff machten wir uns auf Richtung Norden. Ein Mann suchte das Gespräch mit mir und informierte mich, dass er seinen kleinen Sohn und seine Frau vermisse, aber davon ausgehe, dass sie auf dem anderen Schiff (Sea Watch) seien. Ich habe mich also daran gemacht, alle Namen aufzunehmen von Familienangehörigen, die vermisst wurden. Am späten Nachmittag dann die grosse Erleichterung: ein britisches Kriegsschiff war auf dem Weg um uns alle Gäste abzunehmen und danach die von Sea Watch, damit die Familien, wenn möglich, wieder zusammengeführt werden konnten. Da sich der Transfer ziemlich hinzog haben wir dann Sea Watch unsere Hilfe angeboten und sie beim Transfer von ihren Gästen ebenfalls unterstützt.

Bei der ersten Shuttlefahrt mit dem RHIB wurde uns als erstes ein kleiner Junge übergeben und als ich die Mutter nach dem Namen fragte war sofort klar, dass wir hier wirklich wieder eine Familie zusammenbringen können, was ein unbeschreibliches Glücksgefühl war.

Auch Freud und Leid sind leider bei diesen Einsätzen immer sehr nah zusammen und so hatten wir bei der zweiten Fahrt eine Frau, die ihren Mann und die zweijährige Tochter in der vorhergehenden Nacht verloren hatte.

IMG_0152Hast du dir deinen Einsatz in der Seenotrettung so vorgestellt?

Zu gewissen Teilen: ja. Doch etwas erschreckt mich eigentlich auch jetzt immer noch. Vom Segelsport kommend, war das Wasser für mich immer etwas wunderschönes, was mir zur Entspannung diente.

Seenotfälle waren in meiner Fantasie mit stürmischer See verbunden. Hier ist es aber so, dass auch eine spiegelglatte See zur Todesfalle werden kann. Sich daran zu gewöhnen dauerte doch einige Zeit.

Hat sich für dich etwas verändert durch deinen Einsatz in der Seenotrettung?

Definitiv! Man sieht die Welt anders, wenn man in diesen Abgrund geblickt hat. Ich konzentriere mich jetzt komplett auf das, was mir wichtig ist, ohne mich darum zu kümmern, was Andere davon halten.

Auch materielle Dinge interessieren mich nicht mehr und so habe ich kein Problem damit, seit Monaten einfach aus meiner Tasche zu leben und unterwegs zu sein.

Man könnte also auch sagen, dass mich diese Einsätze durchaus von einer Last befreit haben.

Wie hast du die Reaktion der Menschen zu Hause auf eure Arbeit empfunden?

In meinem Umfeld habe ich eine unglaubliche Unterstützung erlebt. Auch von Seiten, von denen ich es überhaupt nicht erwartet hätte kamen aufmunternde Worte, es wurden Spenden gesammelt und ganz allgemein wurde das Bewusstsein für diese humanitäre Katastrophe sicher gestärkt.

Es gibt aber natürlich auch die andere Seite. So haben wir zum Beispiel nach der Beschlagnahmung unseres Schiffes innerhalb von ein paar wenigen Tagen mehrere hundert Morddrohungen bekommen.

Wenn du die Möglichkeit hättest, allen Menschen, die die Arbeit der Seenotrettung für unsinnig halten oder gar ablehnen, etwas zu sagen, was wäre das?

Ich glaube es ist wichtig, dass sich jeder Mensch vor Augen führt, dass die Sicherheit, die er genießen kann, nicht selbstverständlich ist. Jeder von uns könnte in diese Lage kommen, wo er auf die Hilfe seiner Mitmenschen angewiesen ist. Wenn man dann hört, dass man diese Leute doch einfach ertrinken lassen soll und sie dann schon aufhören zu kommen, schmerzt mich das unglaublich. Das ist definitiv nicht die Welt, in der ich mir wünsche leben zu können.

Das wir heute wieder die gleichen Parolen wie in den 30er-Jahren hören und lesen schockiert mich zutiefst und ich hoffe, dass wir da noch schnell genug die Kurve kriegen.

Ich danke dir für all das, was du auf See für uns alle leistest und das tolle Interview. Alles Gute dir und ganz viel Kraft weiterhin!

FreeIuventaÜbrigens… Die Iuventa, das Schiff der Organisation „Jugend Rettet“ wurde Anfang August von italienischen Behörden wegen angeblicher Beihilfe zur illegalen Einwanderung beschlagnahmt. „Jugend Rettet“ bemüht sich um die Rückgabe des Schiffes und somit der Wiederaufnahme der Rettungstätigkeit. Mehr Informationen findest du unter www.jugendrettet.org.

Im folgenden Video wird die Situation und die Bemühungen von Rettungsorganisationen auf dem Mittelmeer anschaulich gezeigt.

Sei gut zu dir!

~Alina